Diese „BlüTe“ bleibt länger geöffnet

Oerlinghausen (din). Viele geflüchtete Frauen bleiben allein – mit ihren Sorgen, ihren Fragen und ihren Kindern. Und wenn über ihren Aufenthalt noch nicht entschieden ist, haben sie keinen Anspruch auf einen Sprachkursus. In Oerlinghausen wird mit einem Frauenbildungstreff eine Brücke in den Alltag in Deutschland gebaut. Das Beispiel ist so positiv, dass es jetzt mit Hilfe der Stadt fortgesetzt werden kann. Regelmäßig muss sich Hava Loshi fragen lassen: „Mama, was hast du denn heute gelernt?“ Die aus dem Kosovo stammende Mutter dreier Töchter soll dann von dem Treffen berichten – natürlich auf Deutsch. „Aber sprechen, schreiben, lesen, das ist schwer“, berichtet Hava Loshi. „Ich habe ja keine Arbeit, keine Kontakte und keinen Sprachkursus.“ Einmal in der Woche trifft sie elf weitere Frauen im katholischen Gemeindehaus an der Markstraße zum „Blick über den Tellerrand“ („BlüTe“) zusammen.  
Auch Fariha Waheedy aus Afghanistan und Anthonia Ewaleifoh aus Nigeria kommen regelmäßig. Es sei sehr schön, Zeit zu haben, um andere Frauen kennen zu lernen, berichten sie übereinstimmend. Um den Nachwuchs brauchen sie sich währenddessen nicht zu sorgen, denn das Besondere an dem Angebot ist die Betreuung der Kinder. Nadine Brandes und Angelika Willimzig kümmern sich um sie. Als gelernte Erzieherin und als Großmutter haben beide schon vorher entsprechende Erfahrungen gesammelt. Die Aufgabe, für Kinder zwischen neun Monaten und sechs Jahren zu sorgen, „macht mir Riesenspaß“, sagt Nadine Brandes. „Sie sind alle unterschiedlich und super lieb.“  
Weitere Teilnehmerinnen des Kurses stammen aus Syrien, dem Irak, Albanien, Ägypten und Eritrea. Sie alle eint der dringende Wunsch, Deutsch zu lernen. Entweder haben sie keinen Anspruch oder die noch jungen Kinder hindern sie an der Teilnahme.  
Bei „BlüTe“ spielt die Sprache aber nur indirekt eine Rolle. Vorrangig sollen den Frauen die noch ungewohnten Lebensbedingungen vermittelt werden, erläutert Anke Diekmann, die Leiterin des Kursus. „Im Mittelpunkt stehen alltagsbezogene Themen“, sagt sie. Das Gesundheitssystem in Deutschland, der Besuch beim Arzt, Fahrten mit Bus und Bahn werden angesprochen. „Auch das Grundgesetz war schon ein Thema, dazu gibt es Informationen im Internet in vier Sprachen“, sagt Anke Diekmann. „Wir haben schon gemeinsam gebastelt, Lasagne gekocht und Reibekuchen gemacht. Dabei wird immer themenbezogenes Vokabular vermittelt.“  
Sonst steht auch Kaffee und Kuchen auf den Tischen des Gemeindehauses. „Mit Rücksicht auf den Ramadan verzichten wir zur Zeit darauf“, sagt Anke Diekmann. Dass sich Frauen unterschiedlichen Glaubensrichtungen in einem Haus katholischen Gemeinde treffen, hat noch nie zu Problemen geführt. Auch das unterschiedliche Alter der Teilnehmerinnen aus den zahlreichen Nationen wirke sich nach den Worten der Kursleiterin eher befruchtend aus.  
„BlüTe“ wird aus dem Flüchtlingsfonds des Erzbistums Paderborn finanziert. Mit der Durchführung ist die Katholische Erwachsenen- und Familienbildung Bielefeld (kefb) beauftragt. Nach den regulären 110 Kursstunden wäre „BlüTe“ Ende Mai beendet gewesen. Eine Anfrage bei der Stadt Oerlinghausen führte jetzt zum gewünschten Erfolg. „Es war recht schnell klar, dass wir weiterhelfen und den Kursus mitfinanzieren“, sagt Marcel Jagnow, in der Stadtverwaltung zuständig für Soziales, Bildung und Ehrenamt. „Vor allem die Kinderbetreuung, die es bei den reinen Integrationskursen nicht vorgesehen ist, hat uns überzeugt.“ Die katholische Kirchengemeinde St. Michael mit Pfarrer Michael Karsten stellt die Räume im Gemeindehaus weiterhin kostenlos zur Verfügung. Und mit Unterstützung der Stadt kann „BlüTe“ bis zum Jahresende weitergeführt werden. „Dann werden wir weitersehen“, sagt Jagnow.      

INFOS      
# Der Kursus „Blick über den Tellerrand“ begann im Oktober 2018. Er läuft jeden Mittwoch zwischen 9 und 12 Uhr. Das niedrigschwellige Angebot ist für weitere Frauen jederzeit offen.      
# Das Projekt wird aus Mitteln des Flüchtlingsfonds des Erzbistums Paderborn finanziert. Für die Durchführung ist die Katholische Erwachsenen- und Familienbildung Bielefeld (kefb) zuständig. „BlüTe“ wird auch in Leopoldshöhe angeboten      
# Eva Windgassen, Bildungsreferentin bei kefb, wünscht sich, dass auch noch Oerlinghauser Frauen hinzukommen. „Das wäre ein echter Austausch und ein wichtiger Schritt in Richtung Integration“, sagt sie.          

Zurechtfinden im Alltag: Das wöchentliche Treffen im katholischen Gemeindehaus in Oerlinghausen ist für die Frauen aus acht Nationen ein wichtiges Mittel, um sich untereinander zu verständigen und um sich in Deutschland zurechtzufinden. (Text und Foto: Knut Dinter)