Vorwort zum Programm Januar bis Juni 2020

Liebe Leserin, lieber Leser!

„Wir sind uns alle bewusst, dass wir nicht nur in einer Zeit der Veränderungen leben, sondern in einer Zeitenwende“, schreibt   Papst Franziskus in seinem Brief an uns, dem „Pilgernden Volk Gottes“.

Zeitenwende – das hat eine ganz andere Schlagkraft als nur Veränderungen, werden wir doch spontan an die „kopernikanische Wende“ erinnert, die im 16.Jahrhundert das bis dahin vorherrschende geozentrische Weltbild durch naturwissenschaftliche Forschungen und Erkenntnisse radikal veränderte, ja geradezu auf den Kopf stellte.

„Solch eine kopernikanische Wende mit einem radikalen Paradigmenwechsel braucht die katholische Kirche, will sie wieder glaubwürdig werden und eine starke globale Kraft als Gegengewicht zu den wachsenden Fundamentalismen, nationalen und individuellen Egoismen und sich breitmachender Gleichgültigkeit sein“, kommentierte Anfang des Jahres die Süddeutsche Zeitung. „Es drängt sich hier das Kirchenbild einer Gemeinschaft auf, die sich selber genügt und um ihrer selbst willen existiert mit klaren Wahrheiten, festen Traditionen und starren Verhaltensregeln“, so heißt es weiter und ich möchte ergänzen: und bei der bei aller Sorge um die Zukunft der Kirche vielleicht die Verkündigung der Wahrhaftigkeit und Weite des Evangeliums auf der Strecke geblieben ist oder durch alarmierende Faktendaten – Priestermangel, Kirchenaustritte – verdeckt oder gar erstickt wurde.

„Wo ist die ´Dynamik der Jesusbewegung` geblieben?“  fragt Prof. Zulehner, die getragen war von der „Vision Jesus vom Kommen des Reiches Gottes in Gesellschaft und Geschichte.“

„Synodaler Weg“ - ein Lösungswort? Oder doch mehr ein „Zauberwort“, das schon durch den Akt an sich alle Probleme „hinwegzaubert“? Skeptisch denken wir an den von 2011 bis 2015 mit großen Erwartungen angegangenen „Dialogprozess“, der schließlich im Sande verlief.  Ich möchte auch lieber von einem „synodalen Prozess“ sprechen, denn zum einen steckt bereits im Wort „synodal“ von seinem griechischen Ursprung her das Wort „Weg“, zum andern intendiert Prozess eine ergebnisoffenere Vorgehensweise, die von den Teilnehmern ein „Freisein von persönlichen Vorlieben, Vorurteilen und Vorfestlegungen“  erwartet, so dass sie „ganz auf den Geist hören können, der vielleicht ganz Neues wirken will“ ( Stefan Kiechle, Jesuit).

„Ich halte den Synodalen Weg für wichtig,“ sagt Thomas Sternberg (Präsident ZdK), „aber nicht, damit die Institution Kirche wieder zum Glänzen gebracht wird. Es geht vielmehr darum, den eigenen Hof in Ordnung zu bringen, damit wir wieder glaubwürdig und freudig vor den Menschen von dem  Zeugnis geben können, der unser Leben trägt und von dem, was unser Leben trägt.“

Deshalb kann ich mich auch der Kritik des Hildesheimer Bischofs Heiner Wilmer am Synodalen Weg anschließen, der beim synodalen Prozess „ein Forum zur Erneuerung des Glaubens“ vermisst.

Das katholische Bildungswerk versucht mit seinem Bildungsprogramm Antworten zu geben auf diese aktuellen Fragen in Kirche und darüber hinaus in Politik und Gesellschaft, da hier unsere Haltung und unser Engagement als Christen gefordert sind.

„Jeder Christengeneration scheint es von Neuem aufgegeben zu sein zur Kirche erst zu werden, zu einer Kirche, die mehr ist als eine mit sich selbst beschäftigte und um sich selbst besorgte Institution. Weitergeholfen und herausgeführt aus den meist hausgemachten Schieflagen hat uns immer schon nur der Blick nach vorn – sofern er verbunden war mit dem Blick „nach oben“, zu dem hin, der sich diese Gemeinschaft einst erwählte, um gemeinsam mit ihr seinen Weg mit der Menschheit, der Menschheit als ganzer, durch die Geschichte zu gehen.“ (P. R. Körner, aus: „Ich bin bei euch“)

Gemeinsam mit dem Theologen Karl-Heinz Does, päd. Mitarbeiter im Heinrich-Lübke-Bildungshaus am Möhnesee, wollen wir den Blick nach oben werfen und fragen: welches Bild haben wir von diesem „Mit-Geh-Gott“ und hat sich unser Gottesbild durch zeitgeschichtliche und individuell-biographische Entwicklungen verändert?

Bei den strittigen Fragen der vier Themenschwerpunkte des synodalen Prozesses wird oft argumentativ auf die unumstößliche und alternativlose „göttliche Ordnung“ verwiesen. Diese Sichtweise engt ein, behindert eine theologisch verantwortete Reform, dieselbe Kirche neu zu denken. Welche Rolle spielt dabei das katholische Lehramt? Der Dogmatiker Prof. Dr. Michael Seewald, Universität Münster, wird in seinem Vortrag diesen Fragen nachgehen.

Dazu gehört konkret die von den Medien in letzter Zeit viel beachtete Frage der Frauen in Ämtern und Diensten der Kirche.  Mitglied in diesem thematischen Forum ist die Prof´in Dr. Dorothea Sattler, Universität Münster. Bei der letzten  Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken im Mai sagte sie: „Wenn Frauen – und davon erzählen die biblischen Schriften - von Gott dazu berufen worden sind …..dem auferstandenen Christus zu begegnen und von ihm selbst gesandt wurden, ihn zu bezeugen, warum sollte es Frauen dann verboten sein, in der eucharistischen Feier öffentlich in der Wortverkündigung und in der Zeichenhandlung im Mahl Zeugnis für Jesus Christus abzulegen?“ - Diese fragende Herausforderung wird Thema des Frauenbildungsfrühstücks sein.

Die Forderung des „Nicht-weiter-so“ trifft nicht nur das Erscheinungsbild der Kirche. Die Suche und Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der uns überantworteten Natur ist in politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen spürbar, und das ist nicht neu. Schon im 16. Jahrhundert entwarf der britische Lordkanzler Thomas Morus, der später von der Kirche heilig gesprochen wurde, ein Staatsgebilde, das er Utopia nannte und in dem er die These aufstellte, ein vernünftiger Staat müsse kommunistisch sein. Eine vergessene katholische Perspektive? Prof. Dr. Thomas Nauerth, Universität Osnabrück, wird dazu referieren.

Künstliche Intelligenz, Roboter im Gesundheitswesen als Antwort auf den Pflegenotstand – müssen wir uns öffnen oder werden wir überrollt? Können Intelligente Maschinen als moralische Akteure eingesetzt werden?  Der Theologe Lukas Brand, Ruhr-Universität Bochum, wird Entwicklungen, Möglichkeiten und Grenzen aufzeichnen.

Im Namen des Vorstandes wünsche ich Ihnen eine inspirierende Lektüre und hoffe, dass Sie neugierig geworden sind auf die Angebote des Bildungswerkes, des BILDungsPUNKTES und der Gemeinden. 

Herlinde Jolk

1. Vorsitzende kbw