Vorwort zum Programm Juli bis Dezember 2019

Liebe Leserinnen und Leser!

„Am Anfang der Zeit war es so:Die Macht und die Liebe wurden als Zwillinge geboren. Ihre Mutter war die Weisheit, ihr Vater der Mut. Die Geschwister wuchsenglücklich miteinander auf, und ihre Eltern hatten Freude an ihnen. Siewaren unzertrennlich und überall, wo sie hinkamen, schenkten sieLeben in Fülle. Sie überraschten die Menschen in ihren Häusern oderauf ihren Straßen und hinterließen glückliche Gesichter. Sie stiftetenFrieden zwischen den Parteien und Völkern, sie verteilten die Güterdieser Welt gerecht, sie machten die Armen reich und die Reichenglücklich. Die Macht und die Liebe waren ein Herz und eine Seele undwo sie in den Häusern der Menschen einen Platz fanden, da ändertesich alles zum Guten. So wanderten sie durch die Welt.“ (entnommenaus dem neuen Buch von Pfr. Dr. W. Bruners: Zuhause in zwei Zelten)
Ein wunderbarer, paradiesischer Zustand, werden Sie sagen, aberunrealistisch. In der Tat, die realen Fakten sprechen eine andereSprache: globale Kriegsherde, zunehmendes Gewaltpotenzial,Intoleranz und Rassismus, gewinnorientierter Egoismus, Missachtungder Menschenwürde und des Gemeinwohls.
In der o.a. Kurzgeschichte lässt der Autor den Neid auftreten, dermit seinen blendenden Verführungskünsten die Macht erfolgreichauf seine Seite zieht. Während die Liebe ohn-mächtig zurückbleibt,erobert die Macht lieb-los die Welt: sie umgibt sich mit Waffen undSoldaten, raubt den Armen den Frieden, vertreibt sie aus ihrer Heimat,plündert die Natur aus, lässt Habgier und Gleichgültigkeit wachsen.
Welche Analogie zu den oben erwähnten Fakten! Und so fragen wiruns: „Hängt alles zusammen?“ - die Sorgen und Nöte, die uns inGesellschaft, Politik und Kirche umtreiben?
Mit dieser Frage eröffnet das katholische Bildungswerk im 2. Halbjahr2019 sein Veranstaltungsprogramm. Pastor Dr. Christof Gärtner wirfteinen Blick auf die theologischen und kirchenpolitischen Hintergründeder aktuellen Diskussionsthematik in der kath. Kirche – Verhinderungvon Missbrauch und Gewalt, Verpflichtung zum Zölibat, Weiheamt fürFrauen, Einstellung zur Sexualität, Amtsstruktur der Kirche.
Die Macht verfällt dem Neid, wobei Neid nur ein Synonym ist fürHaltungen, die blenden und den Blick auf die Liebe verstellen. Wozudas führen kann, wird die Theologin Dr. Sonja Strube (UniversitätOsnabrück) in ihrem Vortrag deutlich machen, wenn sie der Fragenachgeht, wie bestimmte Formen christlicher Religiösität zurechtsextremen Einstellungen führen können und was Gemeindentun können, um vorurteilsfreiere Formen von Religiösität zu fördern und zu leben.
Vorurteilsfreie Begegnungen setzen Wissen um den je anderenvoraus, u.a. um seinen Lebens-und Glaubenshintergrund. So begebenwir uns als Christen mit Prof. Dr. Klaus von Stosch (UniversitätPaderborn) auf die Suche nach Aussagen über Gewalt in denHeiligen Schriften von Christentum und Islam. Religionskritikerführen alles Übel der Welt auf die Religionen zurück. Geradegegenüber dem Koran stehen diesbezüglich viele Verdachtsmomenteim Raum. Und wie sieht es mit den scheinbar gewaltverherrlichendenStellen in der Bibel aus?
Gerade diese Frage führt uns zu einem der originären Aufgabenfelderdes Bildungswerkes: die Auseinandersetzung mit der Botschaft Jesuals Wegorientierung für christliches Handeln. Prof´in Dr. ChristianeKoch (Kath. Hochschule NRW, Abtlg. Paderborn) wird in einemeintägigen Seminar exegetische Zugangsweisen zu ausgewähltenSchrifttexten erarbeiten. Damit führt sie die seit vielen Jahrenvertraute Seminararbeit des Theologen Prof. Dr. W. Bösen fort.
In der Kurzgeschichte von Pfr. Bruners „Als die Macht und die Liebesich trennten“ finden Macht und Liebe wieder zueinander, da keineohne die andere leben und vor allem wirken kann. Aufeinanderzugehen – das ist das Motto der jährlich stattfindenden ökumenischenWeltgebetstage. Den anderen vorurteilslos wahrnehmen aufdem Hintergrund seiner sozialen und politischen Lebenssituation,ermöglicht Begegnung als interkulturelle und ökumenischeBereicherung. Über das Medium Musik wird die Komponistin undLiedermacherin Bea Nyga (Köln) diese Akzente setzen.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre beim Studieren der Angebote des Bildungswerkes, des BILDungsPUNKTES und der Gemeinden.

Herlinde Jolk
1.Vorsitzende des Kbw Bielefeld