Vorwort zum Programm Januar bis Juli 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

fragt ein Reporter Passanten auf der Straße: „Nun sagen Sie mir doch mal, worum es in Ihrem  Glauben eigentlich geht, was ist das „Entscheidend-Christliche“ in der christlichen Lebensgestaltung? Aber sagen Sie es so, dass ich es verstehen kann und reden Sie nicht lange drum herum, sagen Sie es kurz und bündig.“
Geht das überhaupt, den christlichen Glauben in eine Kurzformel packen?
Ausgehend von den uns überlieferten biblischen Schriften, ergänzt durch Dogmen, Konzilstexte, Glaubensbücher, Katechismen füllen theologische Studien , Abhandlungen, Deutungen, Kommentare seit Jahrhunderten eine unüberschaubare Zahl von Bibliotheken zum Thema „Christentum“.
Und nun – eine Kurzformel über das Entscheidend-Christliche.
Sie merken es -  hier ist jede und jeder Einzelne ganz persönlich gefragt, denn: „wirklich aussagekräftige, tragfähige und für die persönliche Lebensgestaltung hilfreiche Kurzformeln können nur im eigenen Herzen gebildet werden. Werden sie von anderen vorgegeben, müssen sie zumindest aus deren Herzen  und dadurch wie aus dem eigenen Herzen kommen.“ ( aus: Christ sein auf den Punkt gebracht – P. Dr. Reinhard Körner OCD)

Das Bildungswerk Bielefeld bemüht sich seit jeher, Fragen aus den Bereichen Theologie und Kirche, Politik und Gesellschaft  zur Sprache zu bringen. Diese Zielsetzung vor Augen, scheint es uns wichtig, eine Kurzformel präsent zu halten, die in einer Zeit, in der wir Christen mit Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen zusammenleben, eine besondere Aussagekraft bekommt:

Wir sind miteinander Menschen zuerst – Gottes Menschen.

„Ob katholisch oder zu einer anderen Konfession gehörig, ob anders-religiös oder religionslos: Wir alle sind Menschen zuerst – vor jeder Konfessions- und Religionszugehörigkeit und  vor jeder weltanschaulichen und spirituellen Orientierung…...Wir Christen haben keine exklusive  Heilsberufung. Wir haben lediglich eine Aufgabe. Aber eine große Aufgabe. Vielleicht eine viel zu große, doch für die zu leben es sich lohnt: dass wir uns mitsorgen mit Gott um einander, um seine Menschen“  (ebd. S.84ff)

Auf diesem Hintergrund hat das Bildungswerk für das 1. Halbjahr 2019 ein Veranstaltungsprogramm entwickelt, das sich einerseits mit den vielgesichtigen destruktiven Kräften, die unser Weltgeschehen im Großen und im Kleinen beherrschen,  einschließlich der dahinter versteckten Ideologie der Ungleichwertigkeit beschäftigt und das andererseits die Erfahrungen gottsuchender Menschen in den Blick nimmt, deren Spiritualität uns einen liebenden Mit-Geh-Gott nahe bringt – als helfende und begleitende Kraft bei der Suche nach Antworten.

Wir beginnen daher in diesem Halbjahr mit der Reihe „Quellen des Glaubens“ , die an drei Abenden das Grundgebet aller Christen, das „Vaterunser“, in den Blick nimmt, es unter biblischer und musikalischer Sicht betrachtet und fragt, wie wir es ökumenisch leben können.

Auf der Suche nach spirituellen Akzenten für die je eigene Lebens- und Glaubensgestaltung tut es gut, sich mit den Erfahrungen und Erkenntnissen jener  Frauen auseinanderzusetzen, die als „Aussteigerinnen“ aus der spätantiken Gesellschaft in entlegenen Regionen des Nahen Ostens und in der ägyptischen Wüste lebten. „Frauen auf dem Weg“ laden zu einem Begegnungstag mit Frau Dr. Gabriele Broszio ein, die uns jene Wüstenmütter vorstellen wird, die den Lebensraum „Wüste“ als ihren „Überlebensraum“ entdeckten und zu gefragten geistlichen Begleiterinnen für Frauen und Männer ihrer Zeit wurden.

„Ist Gott mit uns, wer kann dann gegen uns sein?“ - dieses Pauluszitat, das Pfr. Dr. Wilhelm Bruners aufgreift,  kann zu einer Bestätigung der o.a. Kurzformel führen, wenn wir in Paulus einem Menschen begegnen, der auf Grund seiner Christus-Erfahrung in seinem jüdischen Horizont zu der Überzeugung kommt: Alle Menschen,ohne Unterschied, sollen die Barmherzigkeit Gottes, die in der Vita Jesu sichtbar und hörbar wird, erfahren.

Eine Begegnung mit Dag Hammarskjöld, dem früheren viel beachteten  Generalsekretär der UN (1953 - 1961), zeigt, dass Spiritualität und politische Verantwortung sich nicht ausschließen, sondern ethisches Handeln als Dienst an der Menschheit ermöglicht. Unter diesem Aspekt wird uns Frau Prof´in  Dr. Ilse Kerremans den schwedischen Politiker vorstellen.

Die Grundsätze der Menschheitsethik ernsthaft in den Blick zu nehmen, ist ein Signal unserer Zeit angesichts der bedrängenden Herausforderungen – globale Migration, Kriegsgeschehen und Klimakatastrophen, Hunger und Unterernährung, Arbeitslosigkeit und Korruption… „Nicht gleichgültig bleiben!“ zitiert Prof. Dr. Norbert Mette Papst Franziskus, wenn er zu Solidarität für die betroffenen Menschen und die gesamte Schöpfung aufruft, d.h. zu Engagement für eine friedvollere und gerechtere Welt.

In erschreckend zunehmendem Rechtsextremismus scheint sich eine andere Form des Umgangs mit den Herausforderungen unserer Zeit zu etablieren. Oberflächlich werden Ursachen benannt und vorschnell Konsequenzen gefordert. Wie genau müssen wir hinsehen- und hören, wenn wir unseren eigenen Standort finden wollen?

Welche Einflussnahme müssen wir dabei den Medien zuschreiben – fragt Frau Dr. Lena Frischlich von der Universität Münster.

Standortsuche setzt Hintergrundwissen und Ursachenforschung voraus. Der Soziologe Prof. Dr. Th. Faist forscht an der Universität Bielefeld über internationale Migration als globale Herausforderung. Am Beispiel der großen Fluchtbewegungen in Afrika analysiert er die Folgen derzeitiger Migrationskontrolle und zeigt Möglichkeiten einer alternativen Migrationspolitik.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre beim Studieren der Angebote des Bildungswerkes, des BILDungsPUNKTes und der Gemeinden.

Herlinde Jolk

 

- 1.Vors. Kbw -