Vorwort zum Programm Juli bis Dezember 2020

Liebe Leserin, lieber Leser!      

„Wir sind uns alle bewusst, dass wir nicht nur in einer Zeit der Veränderung leben, sondern in einer Zeitenwende.“ Mit diesem Zitat von Papst Franziskus begann mein Vorwort zum kbw Programm im 1. Halbjahr 2020, das aus innerorganisatorischen  Gründen nicht gedruckt werden konnte. Jetzt, ein halbes Jahr später, scheint dieses Zitat unter einer anderen Prämisse nichts an Gültigkeit verloren zu haben. Auf dem Hintergrund der Zielsetzung des synodalen Weges war seiner Zeit von einem“ radikalen Paradigmenwechsel der katholischen Kirche“  die Rede, wenn sie wieder „glaubwürdig werden  und eine starke globale Kraft als Gegengewicht zu den wachsenden Fundamentalismen, nationalen und individuellen Egoismen und sich breitmachender Gleichgültigkeit sein will“, wie die Süddeutsche Zeitung formulierte.

Jetzt hat uns Corona überrollt, die Pandemie versetzt weltweit Gesellschaften in Unsicherheit und Existenz-Angst und zwar bis in die kleinsten Bereiche menschlichen Miteinanders hinein, ausnahmslos – über nationale, kulturelle und religiöse Grenzen hinweg. Die Stimmen werden laut, die „zurück zur Normalität“ fordern, obwohl wir wissen, dass das „Nachher“ ein anderes sein wird – im umfassenden wirtschaftlichen und pflegerischen Bereich mit Auswirkungen auf unser  ökologisches und soziales Handeln und schließlich mit der Frage nach unserer christlichen Verantwortung. Hier berühren sich die o.g. Forderungen nach Veränderung in Kirche und Gesellschaft, nach Reaktion auf die angesagte Zeitenwende. Es kann kein „weiter – so“, kein „immer schneller – immer weiter – immer höher“ geben, wenn die Lebensqualität unserer Gesellschaft für alle zukunftsfähig sein soll.

Dr. Wolfgang Kessler, Wirtschaftspublizist und ehemaliger Chefredakteur  der Zeitschrift „Publik-Forum“, greift dieses Thema auf, wenn er fordert: „Gelebte Alternativen - fair wirtschaften – anders leben nach Corona“.

Mit welcher Grundhaltung begegnen wir einander in dem Bemühen um Veränderung – im wertschätzenden Miteinander oder im konkurrierenden Gegeneinander? Der Theologe Dr. Thomas Brockmann, Universität Münster, geht dieser Frage nach mit dem Fokus auf die Begegnung der Religionen: „Koexistenz statt Intoleranz“.

Das katholische Bildungswerk hat in diesem Kontext immer wieder den Blick auf einen respektvollen und toleranten Umgang mit dem Islam gelenkt. Verstehen und Respekt setzen Information und Wissen voraus. Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Universität Münster (Zentrum für Islamische Theologie), wird daher in seinem Vortrag über das Menschenbild im Islam die sozialen und gesellschaftspolitischen Konsequenzen eines falsch verstandenen Menschenbildes darlegen und aufzeigen, wie notwendig eine Korrektur für das Zusammenleben in einer modernen und pluralen Gesellschaft ist.

Auf diesem Themenhintergrund haben wir uns zurückliegend immer wieder mit dem Nahen Osten beschäftigt – Schwerpunkt: Israel Palästina. Die bekannte Friedensbotschafterin Dr. Sumaya Farhat-Naser, die schon vor fünf Jahren bei uns zu Gast war, wird von den „aktuellen Entwicklungen in Palästina“ berichten und von Ihrer Arbeit gegen Hoffnungslosigkeit und Resignation. Sie sagt: „Wir müssen die Werte und Ideale unserer drei Religionen und Kulturen – Judentum, Christentum und Islam – kennenlernen, Werte, die uns verbinden. Wir brauchen, Literatur, Musik und Kunst – Dinge, die Freude und Hoffnung bringen.“

Die Bedeutung des  visuellen kulturellen Erbes Palästinas steht auch im Mittelpunkt eines Vortrags des in Gütersloh lebenden Palästinensers Dr. Bashar Shammout, Gründungsmitglied der 2004 ins Leben gerufenen Stiftung „Begegnung – deutsch – palästinensisches Jugendwerk“. Mit dem Thema „Palästinas bedrohtes Gedächtnis – Kulturerbe zwischen Globalisierung und Besatzung“ wird er Chancen für einen interkulturellen Dialog aufzeigen, der Türen öffnet für Gewaltfreiheit und Toleranz.

Schon 1990 hat die ökumenische Weltversammlung der Kirchen in Seoul die Suche der Menschen nach „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ formuliert. Prof. Dr. Thomas Nauerth wird in seinem Vortrag „Utopia“ aufzeigen, dass diese Ursehnsucht der Menschen nicht neu ist.  Schon im 16. Jahrhundert entwarf der britische Lordkanzler Thomas Morus, der später von der Kirche heilig gesprochen wurde, ein Staatsgebilde, das er „Utopia“ nannte und in dem er die These aufstellte, „ein vernünftiger Staat müsse kommunistisch sein“.

Fragen, die nach Veränderungen in unserer Gesellschaft führen, intendieren für uns als Christen ebenso die Fragen nach einem Perspektivwechsel in der Kirche, hinter denen letztendlich die Glaubensfrage steht: wie glauben wir, dass Gott sich HEUTE äußert? Oder: Erschweren in der Vergangenheit formulierte kirchliche Lehren die Erfahrung, dass Kirche uns Menschen in unserer Zeit etwas zu sagen hat?  Bernd Mönkebüscher, Pfarrer in Hamm, wird diesen Fragen mit Blick auf den synodalen Weg  nachgehen.

„Verstehst du auch, was du liest?“ so fragte Philippus den äthiopischen Hofbeamten, den er auf seinem Weg von Jerusalem nach Gaza traf ( Apg. 8, 31). Bezogen auf das eucharistische Geschehen, dem Zentrum unseres Glaubens, können wir heute fragen: Verstehst du, was du tust? Ist uns die  Feier der Eucharistie und ihrer Riten vielleicht schon  zur Selbstverständlichkeit geworden, deren Sinngehalt wir zu wenig bedenken?  Gerade durch den „lockdown“ der sonntäglichen Gottesdienste sind diese Überlegungen verstärkt in den Fokus gerückt. Pastor Dr. Christof Gärtner wird ihnen in einem Abendvortrag nachgehen.

Im Namen des Vorstandes wünsche ich Ihnen eine inspirierende und neugierig machende Lektüre.    

Herlinde Jolk  
1. Vors. kbw